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am 2. November 2012 mit Sophie Strodtbeck und PD Dr. Udo Gansloßer

Anmerkung: Die nachfolgenden Informationen entstammen einer Mitschrift des o.g. Tagesseminars. Da sie nicht von einem Mediziner formuliert wurden, können sie u.U. unvollständig oder missverständlich sein. Dafür bitten wir um Verständnis. Eine vollständige Wiedergabe aller Argumente für und wider eine Kastration sowie eine umfassende Beschreibung aller hormonellen Zusammenhänge, die bei einer Kastration aus der Balance geraten können, ist hier natürlich nicht möglich. Im Folgenden daher nur einige interessante Aspekte und auch einige Aha-Erlebnisse, die der Tag so brachte. Für weitergehende Informationen zum Thema Kastration wenden Sie sich bitte direkt an die Referenten oder Ihren Tierarzt.

Auch Katie wollte es wissen…

Am 2.11.2012 fand in Krefeld das Tagesseminar zum Thema Kastration und Verhalten mit der Tierärztin Sophie Strodtbeck und PD Dr. Udo Gansloßer statt.

Ein mit Informationen prall gefüllter Tag, wie immer von der ersten bis zur letzen Minute spannend. Von Dr. Udo Gansloßer kannten wir dieses Engagement ja bereits - aber auch Sophie Strodtbeck konnte da mithalten, ihr Vortrag war ebenso kurzweilig und aufschlussreich.

Gleich zu Beginn des Seminars betonten beide Referenten, dass sie nicht grundsätzlich gegen Kastration seien, allerdings in jedem Fall eine pauschale Befürwortung von Kastration ablehnen. Ein Fazit des Tages war daher die Aussage, dass Kastration immer eine Einzelfallentscheidung sein muss und alle möglichen medizinischen und verhaltensbiologischen Aspekte des betreffenden Tieres zu berücksichtigen sind.

Gründe für eine Kastration

Die folgenden Gründe werden in der Regel genannt:

Verhinderung von Mammatumoren: Das Risiko für Mammatumoren liegt generell unter 2 %, dabei spielen z. B. Fehlernährung im ersten Lebensjahr (zu viel Energie, zu viel Protein) und das Wegspritzen der Läufigkeit die bei weitem größere Rolle, während die extrem hohen Risiken bei einer Frühkastration der Hündin vor der ersten Läufigkeit gegen das sehr geringe Risiko von Mammatumoren abzuwägen sind.

Fruchtbarkeitskontrolle: Auch hier sind die erhöhten Gesundheitsrisiken abzuwägen und in der Regel sollten Alternativen in Betracht gezogen werden.

Verhaltensprobleme: Hypersexualität kann vereinzelt gebessert werden -„Aggressivität“ in der Regel nicht, Jagen wird durch Kastration sogar eher gefördert.

Bestimmte medizinische Probleme können für eine Kastration sprechen.

Kastration JA

Eine Reihe medizinischer Gründe können für eine Kastration „ohne Wenn und Aber“ sprechen, so z.B. eine Pyometra (Gebärmutterentzündung der Hündin) oder Ovarialzysten (Zysten am Eierstock der Hündin), eine Diabeteserkrankung oder auch eine Prostatahypertrophie (Vergrößerung der Prostata beim Rüden). Auch die beim Irish Terrier mögliche Cystinurie wurde hier genannt.

Kastration NEIN

Grundsätzlich ist eine Kastration ohne medizinische Notwendigkeit laut Tierschutzgesetz § 6 verboten.

Ebenso lehnten die Referenten grundsätzlich jede Frühkastration (vor der ersten Läufigkeit der Hündin oder beim Rüden vor der Pubertät) ab, da die Entwicklung des Hormonhaushaltes in der Pubertät extrem wichtig ist. Bei Kastration wird diese Entwicklung unterbunden. Das hat immense Folgen auf das Verhalten des betreffenden Tieres: Es entwickelt sich verhaltensmäßig nicht vom Jungtier zum erwachsenen Tier, sondern bleibt auf der Stufe stehen, in der es sich zum Zeitpunkt der Kastration befindet (z. B. in einer altergerecht eher ängstlichen oder vorsichtigen Phase oder in einer Phase extremen Spielverhaltens). Bei einer Frühkastration bleibt die in der Pubertät vorgesehene „Neuverteilung von Aufgaben im Gehirn“ aus. Infantiles Verhalten kann die Folge sein.

Aus medizinischer Sicht spricht die Erhöhung des Risikos für einige schwere Erkrankungen ebenfalls gegen eine Kastration, zumindest müssen diese immer auch abgewogen werden, darunter: Inkontinenz, Knochenmarkstumoren, Kreuzbandabrisse, Schilddrüsenunterfunktion, Herztumoren, Altersdemenz, Prostatakrebs, Blasenkrebs und Fettleibigkeit. Letztere erhöht weiter das Risiko für Arthose, Diabetes, Verdauungsprobleme, Gelenkserkrankungen oder Harnsteine (Ca-Oxalat) und kann ebenso ein höheres Narkoserisiko nach sich ziehen.

Vor allem bei Frühkastration ist mit einer mehrfachen Erhöhung aller genannten Gesundheitsrisiken zu rechnen. Die Risikoerhöhung nimmt mit zunehmendem Alter des betreffenden Tieres ab. Werden Senioren ab 8 Jahren kastriert, sind die genannten Risiken deutlich weniger problematisch.

Alternativen zur Kastration

Hier wurden die Sterilisation, die chemische Kastration (Chip beim Rüden und Wegspritzen der Läufigkeit bei der Hündin) und die Hemikastration (die korrekte Bezeichnung lautet: Hemiovariohysterektomie, dabei werden ein Ovar und die Gebärmutter entfernt) genannt.

Ein Chip beim Rüden ist eine gute Methode, sich die Verhaltensänderung des Rüden näher anzuschauen.

Während das Wegspritzen der Läufigkeit bereits nach einmaliger Anwendung erhebliche Gesundheitsrisiken birgt (Tumore), sind die Sterilisation und die Hemikastration durchaus Alternativen, die in Betracht kommen können. Bei der Sterilisation und bei der Hemikastration bleibt das Hormonsystem erhalten. Es wird lediglich eine sichere Fruchtbarkeitskontrolle erzielt. Dadurch dass in den Hormonhaushalt nicht eingegriffen wird, werden kastrationsbedingte Verhaltensänderungen vermieden.

Hormone

Nach dieser Einführung wurden alle bei einer Kastration eine Rolle spielenden Hormone und deren Zusammenspiel bzw. die Störung des Zusammenspiels nach einer Kastration ausführlich besprochen, darunter natürlich das Testosteron und weitere Sexualhormone wie Östrogen, Prolaktin (Brutpflegehormon) , Oxytocin (Bindungshormon) und dessen Vorstufe Vasopressin (Eifersuchtshormon) aber auch Neurotransmitter wie Serotonin (Stimmungsaufheller) oder Stresshormone wie Cortisol (passives Stresshormon), Noradrenalin und andere.

Bei der Hündin ist alles komplexer

Oft werden Scheinschwangerschaften als Grund für eine Kastration angegeben. Grundsätzlich sind aber Scheinschwangerschaften und Scheinmutterschaften bei der Hündin etwas völlig Normales. Und im Gegenzug können auch kastrierte Hündinnen scheinschwanger werden und sogar eine Scheinmutterschaft entwickeln.

Der Zyklus der Hündin gliedert sich in 5 Phasen. Im Proöstrus steigt der Östrogenspiegel sehr langsam an, dies führt dazu, dass die Hündin mehr Nähe sucht, insbesondere zum potentiellen Rüden aber auch zu ihrem Rudel. Von ihr gehen jetzt viele Annäherungsversuche aus, auch ihr Spielverhalten nimmt zu.

Nun beginnt der eigentliche Östrus, die Läufigkeit. In dieser Phase ist setzt unter dem Östrogeneinfluss die Blutung ein. Das tatsächliche Verhältnis von Östrogen zu Progesteron bestimmt in dieser Phase das Verhalten der Hündin: Liegt verhältnismäßig mehr Östrogen vor, wird eine Hündin eher zickiger und hält Rüden und Hündinnen auf Distanz. Ein Zuviel an Progesteron macht die Hündin eher depressiv und unsicher.

Am Ende des Östrus steht die Scheinschwangerschaft bzw. bei erfolgreicher Deckung der Hündin die Trächtigkeit. Diese Phase ist progesterongesteuert. Bei besonders hohem Progesteronspiegel wird die Hündin anlehnungsbedürftig, sucht viel Kontakt, zeigt wieder mehr Spielaufforderungen, manchmal zeigt sie auch Depressionen und wird stressanfälliger. In einem gewissen Rahmen ist das völlig normal und auch bei freilebenden Hunden zu beobachten.

Die nächste Phase ist bei ungedeckten Hündinnen die Scheinmutterschaft (auf die Mutterschaft einer gedeckten Hündin soll hier nicht näher eingegangen werden). Auch die Scheinmutterschaft gehört zum völlig normalen Geschehen bei der Hündin. Durch den Anstieg von Prolaktin kann das Gesäuge anschwellen - sogar mit Milcheinschuss. Manche Hündinnen bauen auch Wurfhöhlen und hüten Kuscheltiere. Diese Phase dauert ca. 2 Wochen, mit Naturheilkunde kann man die Hündin hier unterstützen. Lediglich bei extremen Anzeichen wie häufiger und starker Gesäugeentzündung und hochgradiger Depressionen kann über eine Kastration nachgedacht werden. Oft hilft es aber auch in dieser Situation, die Hündin abzulenken oder sie zu zwingen, rauszugehen bzw. „sich bespaßen zu lassen“.

Die nächste und letzte Phase, der sogenannte Anöstrus, beginnt ca. 100 Tage nach der Standhitze. Jetzt ist der Hormonspiegel insgesamt wieder sehr niedrig. Wenn eine Kastration erforderlich sein sollte, dann sollte sie in jedem Fall ausschließlich in dieser Phase erfolgen.

Fazit

  1. Kastration greift stark in das Gesamt-Hormonsystem ein und zieht damit auch Verhaltensveränderungen nach sich.
  2. Kastration führt zu einer mehrfachen Erhöhung bestimmter Gesundheitsrisiken (u.a. Tumore, Gelenkserkrankungen etc.)
  3. Kastration sollte immer eine Einzelfallentscheidung unter Abwägung aller Gesundheitsrisiken und Risiken für ein verändertes Verhalten sein.
  4. Frühkastration (vor der Pubertät oder während der Pubertät) ist grundsätzlich abzulehnen.
  5. Als Alternative zur Kastration sollte die Sterilisation oder bei Hündinnen ggf. auch eine Hemikastration in Betracht kommen. Beide Verfahren ermöglichen die Fortpflanzungskontrolle ohne Beeinträchtigung des Hormonsystems des betreffenden Tieres.
  6. Stimmungsschwankungen der Hündinnen im Verlauf ihres Zyklus sind normal und hormonell bedingt. Wenn man sich hiermit auseinandersetzt und die Zusammenhänge versteht, kann man diese besser annehmen. Oft zeigen sie sich dann schon weniger stark, wenn der Besitzer, diesen weniger Bedeutung beimisst. Naturheilkunde und Ablenkung sind gute Mittel zur Unterstützung der Hündin.

P.S. Ein besonders Aha-Erlebnis war für mich die Tatsache, dass sich die Oxytocin-Produktion und damit eine Möglichkeit, den Hund bei Stress zu entspannen, durch Massage und ausgiebiges Streicheln der Hündin steigern und sich dieser Vorgang sogar konditionieren lässt. Das heißt, der Effekt kann mit einem Wort belegt werden, das später als Entspannungssignal genutzt wird.

Und noch ein Aha-Erlebnis: Bei Stress (z. B. Beispiel einer Blutabnahme) steigt der Cortisol-Spiegel des Hundes an, ABER erst nach 20 bis 30 Minuten. Wenn man daher zwischen Blutabnahme und dem effektiven Anstieg des Cortisols für Entspannung sorgt (z.B. durch Massage), steigt der Cortisol-Wert NICHT an, und es kommt nicht zu den nachteiligen stressbedingten Auswirkungen.

Stefanie Schraven